Losurdos Erbe

⋄ Domenico Losurdo war einer der bedeutendsten antiimperialistischsten Philosophen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

⋄ Die International Critical Review widmet ihre aktuelle Ausgabe Losurdos Erbe und dessen Anwendung auf aktuelle Streitfragen.


⋄ João Romeiro Hermeto deklinierte aus, was nach Losurdo unter Gegengeschichte, Gegenphilosophie und Gegenpolitik verstanden werden müsste.

⋄ Taylor R. Genovese und David Peat stellten heraus, dass nach Losurdo der Kampf um Anerkennung integraler Bestandteil eines globalen Klassenkampfes ist.

⋄ Jared Bly wiederum kritisierte mit dem Begriff des „Idealismus der Praxis“ Fehler Sankaras bei der AUgustrevolution 1983.

Während sich die imperialistischen Widersprüche zuspitzen und immer mehr Menschen nach Alternativen zu Weltkrieg, Umweltzerstörung und globaler Ausbeutung suchen, habe einige Akademiker*innen, Feuilletonisten und sonstige Lumpenintellektuelle einen viel gefährlicheren Feind entdeckt als das herrschende Monopolkapital: die „autoritäre Linke“. Wie autoritär Organisationen überhaupt sein können, die auf völliger Freiwilligkeit der Mitgliedschaft beruhen und kaum materiell so gut ausgestattet sind, Menschen mit gutbezahlten Posten einzukaufen, steht schon mal in den Sternen. Autoritär soll einfach heißen, dass diese Linke den Kampf des globalen Südens als realen Kampf solidarisch begleitet und mit Gegengewalt gegen die imperialistische Gewalt, Gegenmacht gegen die bourgeoise Macht und Gegenkultur gegen die Kultur westlicher Hegemonie etwas anfangen kann. Chinas technologischer Kampf und Palästinas militärischer Kampf gegen Abhängigkeit und Unterdrückung messen autoritäre Linke nicht an Idealen von westlicher Demokratie und Aufklärung, sondern am Erfolg gegen die imperialistische Herrschaft.

In diesem Sinne war der Philosoph Domenico Losurdo ein autoritärer Linker im besten Sinne. Er ergriff Partei gegen einen falschen Universalismus und für eine konkrete Geschichtsinterpretation, die alle inneren Widersprüche des sozialistischen Übergangs mit einschließt. Die International Critical Thought widmet ihre aktuelle Ausgabe dem Leben und Werk Losurdos, dass einen ganzen Besteckkasten an Scheidemessern zwischen opportunistischer Phrase und historischem revolutionärem Bewusstsein bietet.

Prinzipielles

In einem einleitenden Essay stellten Jennifer S. Ponce de León und Gabriel Rockhill Losurdo vor. Losurdo sei in erster Linie ein Theoretiker des Imperialismus gewesen. Der Imperialismus habe im Prozess der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung ein globales Herrschaftssystem als Einheit errichtet, indem er den den globalen Süden funktionell von den industriellen Zentren getrennt habe. Der Imperialismus demonstriere so, welche erstaunliche Produktivkraftentwicklung durch koloniale Ausbeutung möglich wurde. Ein postimperialistischer Sozialismus stehe damit vor der großen Aufgabe, eine ähnliche Entwicklung ohne koloniale Unterdrückung zu verwirklichen. Damit sei der revolutionäre Prozess aber auch nicht mehr als unvermittelter Kampf nationaler Proletarier*innen mit ihren Bourgeoisien zu verstehen, sondern als nicht weniger ungleichmäßig und kombiniert mit Fragen der Nation, Kultur und Technologie. Wo das Monopolkapital als Einheit des fortgeschrittensten Industrie- und des Finanzkapitals aus der Peripherie seine Extraprofite erziele, könne der Widerstand nicht mehr allgemein anti-kapitalistisch, sondern müsse auch spezifisch antimonopolistisch sein. Kämpfe um Umverteilung in den westlichen Ländern würden immer da chauvinistisch, wo sie die globale Umverteilung des Reichtums nicht nur vergessen würden, sondern sogar wollen.

Damit schließe Losurdos Philosophie an Gramscis integralen Humanismus an, der Klassenkampf nicht nur in seiner Partikularität, sondern als Prozess der Vereinigung der gesamten Menschheit versteht. Und die Momente dieser Einheit leuchten überall da auf, wo auch abseits der unmittelbaren Klassenkämpfe dieses Ziel verfolgt werde. Der Kampf subalterner Klassen gegen die westliche Hegemonie sei solch ein konkreter Kampf, der das Proletariat sowohl der Peripherien als auch der Zentren näher zum Sozialismus bringe, was in Anbetracht des Fehlens einer revolutionären Arbeiter*innenbewegung in den Zentren fast schon Fluchtpunkt der Hoffnung ist. Dabei ist für Losurdo die Fähigkeit der Selbstkritik eine der beeindruckendsten Eigenschaften wirklicher revolutionärer Organisationen, da nur Selbstkritik der Temporalität des revolutionären Prozesses gerecht werden könne. Im Folgenden haben einige Autor*innen sich mit besonderen Konzepten Losurdos und ihrer praktischen Anwendung auseinandergesetzt.

Gegengeschichte, Gegenphilosophie, Gegenpolitik

João Romeiro Hermeto analysierte drei Elemente in Losurdos Werk, von denen Losurdo nur das erstere auch explizit benannte: Gegengeschichte, Gegenphilosophie und Gegenpolitik. Alle drei sind angewandte marxistische Praxis, da sie die Verdinglichung des Sozialen, das widerstreitende Klassenperspektiven durch scheinobjektive Wahrheiten ersetzt, herausfordert. Damit ist eine marxistische Gegenkultur mehr als nur ein Akt kleinbürgerlicher Rebellion, sondern bewusster Klassenkampf.

Die Gegengeschichte des Proletariats etwa weiß nicht nur davon zu berichten, dass die Versprechen der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – für den Großteil der Menschheit nie umgesetzt wurden. Sie erzählt auch davon, wie erst der Kapitalismus den proletarischen Teil der Gesellschaft von seinen Lebensmitteln getrennt und den globalen Süden ins Unglück gestürzt hat. Sie erzählt auch davon, dass sowohl der globale Süden als auch das Proletariat keinen jahrhundertelangen Kampf führen konnten, wenn er nicht in einem materiellen Gegenstandpunkt zur Bourgeoisie wurzeln würde. Nur eine Herrenvolkmentalität könnte annehmen, dass ein Gesellschaftsvertrag, wie er in den führenden imperialistischen Staaten auf tönernen Füßen geschlossen wurde, global und als Abgrenzung der realen antiimperialistischen Kämpfe verallgemeinerbar sei.

Aber auch eine Gegenphilosophie brauche es gegen die Naturalisierung der Bürgerlichkeit, des Eigentums und des Individualismus; im Bewusstsein ihrer sozialen Partikularität, die sich erst im Sozialismus verallgemeinern kann. Der erste Ausdruck dieser Gegenphilosophie sei das Kommunistische Manifest gewesen, dass nicht aus der Warte einer Allgemeinheit heraus argumentiert, sondern von der Besonderheit des proletarischen Klassenstandpunktes aus. Genau das Bewusstsein für die historische Verortung der Philosophie ermögliche erst eine Selbstkritik, die weniger auf Fehler als auf Aufhebung vergangener Bewusstseinsformen abzielt, um jeder Metaphysik und mechanistischer Orthodoxie den Boden unter den Füßen wegzureißen.

Die zur Selbstkritik notwendige historisch-materielle Veränderung kann aber letztlich nur durch die Praxis, durch eine Gegenpolitik, bewirkt werden. Davon, dass die westliche Linke dazu immer weniger in der Lage war, zeigte sich Losurdo gegen Ende seines Lebens zusehends überzeugt. Genauso überzeugt war er davon, dass nur eine kommunistische Partei, so schwach sie auch in der Gegenwart sei, die Kämpfe in ihrer notwendigen Radikalität führen kann. Und diese Kämpfe müssen nicht nur abstrakt anti-kapitalistisch, sondern auch konkret-antiimperialistisch sein.

Kampf um Anerkennung

Darüber, wie ein solcher antiimperialistischer Kampf aussehen müsste, stellten Taylor R. Genovese und David Peat angesichts der politischen Ausrichtung vieler dezidiert antiimperialistischer Gruppen relativ überraschende Überlegungen an. Sie machten sich etwa für einen dem Postmodernismus zurückgewonnenen Kampf um Anerkennung stark. Dazu gehen die Autoren zunächst davon aus, dass Losurdo den Imperialismus als gesamtkomparative Analyse einer konkreten historischen Realisierung des Kapitalismus verstand. Marxens Imperativ sei bekanntlicherweise gewesen, alle gesellschaftlichen Verhältnisse niederzureißen, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen sei, weshalb Praxis und Analyse auch an dieser Totalität ansetzen müssten, ohne vor ihr zu kapitulieren oder die Notwendigkeit der Teilkämpfe zu vernachlässigen. Vielmehr sei der Universalismus als Fetischisierung der Totalität gerade durch die Klassenpartikularität sozialer Kämpfe herauszufordern. Und genau aus dieser Erwägung heraus, sei auch der Kampf um Anerkennung und Repräsentation ein Aspekt des Klassenkampfes.

Damit zeigt sich aber auch, dass der westliche Marxismus, gegen den Losurdo häufig heftig polemisierte nicht gleichzusetzen ist, mit dem, was als woke Linke häufig angefeindet wird. Dieser ist dafür zu kritisieren, dass er die Kämpfe um Repräsentation innerhalb des herrschenden Universalismus einordnet, etwa wenn Quoten für DAX-Vorstände oder ähnliches gefordert wird, was den Universalismus bürgerlicher Herrschaft unangetastet lässt. Repräsentation einer migrantisierten und damit auch meist marginalisierten Arbeiter*innenklasse, die von den Opportunisten einem vermeintlich regulär beschäftigten Kern gegenübergestellt wird, ist hingegen sogar revolutionäre Aufgabe. Andernfalls laufe man in die Falle eines „Herrenvolk“-Marxismus oder -Sozialismus. Denn dieser verkauft eine Befreiung der Arbeiter*innenklasse auf Kosten der in ihr nicht repräsentierten Elemente.

Der Unterschied zwischen Losurdos und dem Herrenvolk-Sozialismus macht sich am deutlichsten an der nationalen Frage. Während auf der einen Seite westliche Linksliberale jede Nationalbewegung per se als chauvinistisch lesen, stellten sich Vulgärantiimperialisten auf den gegenteiligen Standpunkt, jeden antiwestlichen Chauvinismus als Teil eines antihegemonialen Kampfes anzusehen. In diesem einfachen Gegensatzpaar wird also die kritische Theorie genauso wie so genannter patriotischer Marxismus – etwa die ACP in den USA – zum Element des westlichen Marxismus, da ihre Bezugnahme auf den globalen Süden abstrakt-universalistisch bleibt – mal affirmativ, mal negierend. Losurdos Sozialismusbegriff speist sich hingegen aus der totalen Konkretion des Imperialismus, ist deshalb antiuniversalistisch und ergreift Partei für eine Klasse. Als Beispiel für einen solchen Marxismus führen Genovese und Peat den Prozess des Erlasses des Familiengesetzes auf Kuba 2022 aus. Das Gesetz speise sich weder aus reiner Ablehnung queerer Lebensentwürfe, noch als blinder Affirmation einer LGBTQ-Kultur, sondern habe sich in einem Prozess von 80.000 Volksversammlungen, bei denen 48% des Originaltextes geändert wurden, entwickelt. Damit war es sowohl partizipativ, indem sich auch die nichtqueere Bevölkerung im Gesetz materialisieren kann, wie die queere, die nun verbesserte gesetzliche Rahmenbedingungen vorfindet.

Idealismus der Praxis

Peat und Genovese haben bereits angedeutet, dass man Losurdo durchaus auch gegen Teile der kommunistischen Bewegung wenden kann, die sich eigentlich positiv auf ihn beziehen. Und auch vor Ikonen des antikolonialen Kampfes macht das Rasiermesser seines historisch-materialistischen Kalküls keinen Halt. Jared Bly macht das am Beispiel Thomas Sankara deutlich. Das Instrument, dass Losurdo hier zur Hand gebe, sei das Konzept des „Idealismus der Praxis“. Das soll bedeuten, dass eine praktische Politik an einem doktrinären Konzept ausgerichtet wird, anstatt sich an den realen Kräfteverhältnissen zu orientieren. Meist ginge dieser mit revolutionärem Enthusiasmus einher, der die objektiven Grenzen eines historischen Prozesses an gegebener Stelle nicht mehr begreife. Bei der Analyse der politischen Bewegungen des globalen Südens sei dieses Konzept deshalb so fruchtbar, da imperialistische Abhängigkeiten, der noch gering entwickelte Stand der Produktivkräfte und das Überdauern vorkapitalistischer Gesellschaftsformen den elementaren Klassenkampf überlagere und zu Fehleinschätzungen führe, wenn man den klassischen Marxismus-Leninismus ohne Modifikation anwende. Ganz konkrete Merkmale eines Idealismus der Praxis sind das Verkennen des historischen Gewordenseins einer Gesellschaft, eine Fetischisierung des Klassenkampfes und ein ideologischer Messianismus. Ein klassischer Fall sei nach Losurdo der historische Trotzkismus.

Demonstrieren wollen die Autoren das Konzept aber an der August-Revolution 1983 in Burkina Faso. Die antikoloniale Volksbewegung unter Thomas Sankara mobilisierte damals Millionen von Menschen, senkte den Analphabetismus in kürzester Zeit, setzte Frauen- und Umweltrechte um und vergesellschaftete strategische Industrie. Nach Sankara zeichnete sich das Land dennoch durch eine noch fast völlig unorganisierte Arbeiter*innenklasse aus, die noch keine Tradition revolutionären Kampfes besessen habe. Daher müsse sich der Prozess auf die ländliche und häufig noch traditionell verhaftete Bauernschaft stützen. Der Punkt ist aber, das war faktisch nicht der Fall. Der französische Kolonialismus hatte in bestimmten Sektoren durchaus Traditionen des Klassenkampfes aus den entwickelten Staaten hinterlassen. Die frankophon und kulturell französische ausgebildete Lehrer*innenschaft etwa habe zwar auf der einen Seite das politische Erbe der ehemaligen Kolonialmacht repräsentiert, aber eben auch deren proletarische Organisationsformen. Das Dilemma liegt auf der Hand. Der proletarische Charakter der Revolution wäre nur unter Affirmation der ehemaligen Kolonialmacht zu haben gewesen, was weder in maoistischen noch bürgerlich-postkolonialen Theorien so eingepreist war.

Anstatt also auf den embryonalen Strukturen des Proletariats aufzubauen, wurde etwa die Lehrer*innengewerkschaft als sofaproletarische Organisation abgestempelt. Die Regierung unter Sankara wollte lieber revolutionäre Komitees in den wenigen Betrieben und Lohnarbeitssektoren aufbauen, anstatt die bestehenden Gewerkschaften in den revolutionären Prozess einzubinden. Das Syndicat national des enseignants africains de Haute-Volta wurde als konterrevolutionär behandelt, da diese gegen die Bevormundung durch die Regierung streikte. Sankara ließ 1380 Lehrer*innen entlassen, wobei seine Argumentation, man sei nicht gegen die Lehrer*innen, sondern nur gegen das konterrevolutionäre Anliegen der Gewerkschaft, auf Grund der guten Organisation der Lehrer*innen nicht auf fruchtbaren Boden fiel. So verpasste Sankara es, in Anbetracht einer Phase der Stärkung des globalen Imperialismus, eine praktische anstelle einer ideellen Volkseinheit herzustellen. Der Punkt, den Peat und Genovese hier herausstellen, ist der, dass Sankara Handeln in Anbetracht der Kolonialgeschichte natürlich verständlich ist, dass aber eben historisch-materialistische Analyse etwas anderes ist, als gefühlt moralisch begründetes Handeln.

Zusammenfassung

Nur wenige Parteigänger Losurdos werden sicherlich in der Lage sein, mit dem Finger auf ein Hauptwerk, eine große Idee oder ein geschlossenes Konzept zu zeigen, dass Losurdo charakterisiert. Vielmehr waren seine Einwürfe situativ und mussten es auch sein, wollte Losurdo seinen eigenen Anspruch an historischer Konkretheit einlösen. Damit begründet man keine Schule, aber Losurdo gelang es, eine Generation von Antiimperialist*innen zu prägen, die Rosa Luxemburgs Diktum, dass zu sagen, was ist, die revolutionärste Tat sei, der Phrase enthob. Und das ist revolutionäre Tat.

Literatur:

alle Artikel wurden als Online First veröffentlicht in: International Critical Thought.

Ponce de León, J. & Rockhill, G. (2026): Imperialismand Emancipation: An Introduction to Losurdo. DOI:10.1080/21598282.2026.2653535.

Genovese, T. & Peat, D. (2026): Herrenvolk Marxism as Class Collaboration: Recovering the “Struggle for Recognition” through Losurdo’s Methodology. DOI: 10.1080/21598282.2026.2643926.

Bly, J. (2026): Losurdo, Sankara and the Idealism of Practice:Underdevelopment, Neocolonialism and the Troublesome Trade-Unions. DOI: 10.1080/21598282.2026.2643198.

Hermeto, J. (2026): Losurdo’s Critique of CapitalistImperialism and the Long Arc towards Emancipation. DOI:10.1080/21598282.2026.2633139.

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